Im Wechselbad der Gefühle

Die unkonventionellen Hörspiele des Hoerspielpark

Kino im Kopf – so wirken viele exzellente Hörspiele, die sich durch deren aufwendige Produktion wie ein Film vor dem inneren Auge erstrecken. Die Hörspiele des Hoerspielpark jedoch rufen viel mehr hervor, als nur einen Film vor dem inneren Auge. Sie gehen unter die Haut, tragen die Hörer davon, machen nachdenklich und euphorisch zugleich. Qualitätskontrolle – Oder warum ich die Räuspertaste nicht drücken werde! vom Rimini Protokoll, eines der bekanntesten Werke des Hoerspielpark, ist ein Hörerlebnis, das einer Achterbahnfahrt der Emotionen gleicht.

Eine außergewöhnliche Sprecherin

Maria-Christina Hallwachs ist nie allein. Sie wird rund um die Uhr betreut. Die 39-Jährige ist ab dem Kinn abwärts gelähmt. Wenn sie nicht bewegt wird, stirbt sie in fünf Wochen. “Ich bin anfällig für den Tod, ich bin anfällig für das Leben”, sagt sie. “Ich liebe das Leben.”

Für das Hörspiel jedoch sind nur die Hörer bei ihr. Sie schickt ihren Helfer weg, der ihr zuvor nochmal kurz “die Lunge absaugt”. Ein Prozess, der nicht nur grafisch beschrieben, sondern von dem Hörspiel akustisch untermalt wird. Dann wird Musik gehört, denn Maria-Christina will diese Zeit mit sich selbst genießen.

Schonungslose Echtheit

Das Werk, das sich nun entfaltet, ist gnadenlos persönlich, beinahe unangenehm nah. Maria-Christina durchlebt ein persönliches Schicksal, das beängstigend ist. Doch genau darum überwiegt die Bewunderung und nicht die Betroffenheit. Denn diese Frau hat eine aufrichtige Art den Tatsachen ins Auge zu blicken, die sprachlos macht.

Wenn Maria-Christina ihr Dasein nach ihrem Unfall beschreibt, dann weicht das Gefühl der Beklommenheit, denn ihre unerschrockene Beschreibung der Ereignisse, ihre Furchtlosigkeit vor einem Leben in totaler Abhängigkeit, ist ein Trost.

Streck dich mal!

Die Frau fordert ihre Hörer auf das zu tun, was sie selbst nicht tun kann. Sie spricht von Chancen. Eins zu so und so viel Tausend. Ihre Schwester Isabell hat eine Behinderung. Sie muss der glücklichste Mensch sein, sagt Maria-Christina. Immer lacht Isabell.

Einmal besucht sie sie in ihrer Einrichtung für betreutes Wohnen. Eine Frau fragt was denn ist, mit ihren Armen und Beinen. Und als Maria-Christina erklärt, dass sie die nicht mehr bewegen kann, antwortet sie nonchalant: “Naja, Hauptsache gesund!”

Was Maria-Christinas Erfahrung lehrt

Wenn die Frau von ihrem Kopfsprung in den Pool erzählt, der an dieser Stelle nur 50 Zentimeter tief war und davon wie ihr Vater kurz hoffte, dass der Rettungsflieger zurück nach Tübingen einfach abstürzen würde, dann macht das unfassbar traurig.

Doch trotz einem Gefühl der Hilflosigkeit, ist doch der Hörer auch dankbar. Wo wir doch stets versuchen ein glückliches, erfolgreiches Leben zu führen, das unserer Kontrolle obliegt, erinnert die Geschichte von Maria-Christina daran, wie wenig Einfluss wir doch wirklich haben und dass es doch viel mehr darauf ankommt, wie wir im Nachhinein reagieren, als darauf, wie wir im Vorfeld planen.

Eine Geschichte vom Leben

Das Hörspiel wirft einen unverhofft in ein Wechselbad der Gefühle. Von der Vielfalt der Eindrücke, die der Hörer im Verlauf der Stunde durchlebt, ist sicher einer am Prägnantesten: die Ehrfurcht vor der unglaublichen Stärke, von der diese Geschichte gezeichnet ist. Vor Maria-Christina, die sich selbst entscheiden musste, ob sie leben oder sterben will. Vor ihren Eltern, die unerbittlich an der Seite ihrer Tochter für ihre Würde kämpfen.

Es ist keine per se schöne Geschichte und auch keine furchtbare. Sie ist eben echt. “Ich hätte auch ganz zu Gemüse werden können”, sagt Maria-Christina. Es ist das Leben. Dafür hat sie sich entschieden.

Über den Hoerspielpark

Mit dieser einen Stunde hat das Rimini-Protokoll ein Hörspiel geschaffen, das ungewohnt fesselnd ist, indem es lauter gegensätzliche Gefühle weckt – und so den Hörbuchpreis 2015 gewonnen hat. Die Künstlergruppe macht gemeinsam mit dem Regisseur und Autor Paul Plamper und Schorsch Kamerun, seines Zeichens Sänger, Autor und Theaterregisseur den Hoerspielpark aus.

Zusammen schufen sie eine Plattform, die ihre Hörspielarbeit, die in der Regel von Rundfunksendern ausgestrahlt wird, öffentlich archiviert. “Rundfunkproduktionen verschwinden ja nach der Sendung oft im Senderarchiv und es ist schwierig an sie ranzukommen”, erklärt Paul Plamper.

Charakteristisch für die Werke des Hoerspielpark ist ein kunstvoller Dreh für reale Themen. “Ich glaube, was uns künstlerisch verbindet, ist ein sehr bewusstes Spiel mit Realität oder Dokumentarischem und dass wir alle natürliches Sprechen bevorzugen”, erklärt Plamper. So hat jeder Teil des Kollektivs sein “Steckenpferd”.

Drei Hörspielpositionen

Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, kurz: das Rimini Protokoll gelten als Pioniere des sogenannten Dokumentartheaters, dessen Einflüsse sich auch in ihren Radiohörspielen ausdrücken. Wie bei Qualitätskontrolle arbeiten die Künstler gern mit realen Protagonisten, die einen ganz bestimmten Zugang zum Thema haben.

Die Arbeit von Schorsch Kamerun wird von seinen musikalischen Wurzeln bestimmt. “Ich finde, das ist eine zeitgemäße Form von Oper, Punk-Oper, was er da in einigen Passagen veranstaltet”, so Plamper.

Seine Arbeit hingegen klinge dokumentarisch  “als ob man ein Mikrofon in eine reale Situation hinein hielte.” Doch gehe seine Arbeit eher in Richtung klassische Erzählung. Wie Schorsch Kamerun arbeitet auch Plamper sowohl mit Amateuren, Musikern und professionellen Schauspielern.

Weitere Hörspiele

Tacet 2

Tacet (Ruhe 2)

Autor:Paul Plamper
Sprecher:Matthias Matschke, Judith Engel, Angela Winkler, Carl Georg Hegemann, Fabian Hinrichs, Angelika Sauter
Spieldauer:00:53 Std., ungekürzt

Wer neben Qualitätskontrolle noch mehr Werke des Hoerspielpark kennenlernen möchte, dem sei zudem Plampers “Tacet (Ruhe 2)” ans Herz gelegt, ein Hörspiel, in dem eine Frau plötzlich aufhört zu sprechen. So viel sei gesagt: Der Hörer hört nur, was die Protagonistin auch hört.

Kann mir nicht vorstellen, dass es weiter geht

Kann mir nicht vorstellen, dass es weiter geht

Autor:Schorsch Kamerun
Sprecher:Schorsch Kamerun, Franziska Hartmann, Lena Lauzemis, Martin Reinke, Karin Pfammatter
Spieldauer:00:50 Std., ungekürzt

“Kann mir nicht vorstellen, dass es weiter geht” ist eine sehr abstrakte Produktion von Schorsch Kamerun. Das Werk befasst sich mit der Perspektivlosigkeit einer vom Konsum übersättigten Gesellschaft.

Kein Mensch sagt mehr Beat

Kein Mensch sagt mehr Beat

Autor:Rafael Jové
Sprecher:Bernhard Albrecht, Walter Stremmel, Wolfgang Niedecken, Klaus Berger, Xenia Noetzelmann
Spieldauer:00:51 Std., ungekürzt

Paul Plamper hat noch einen Tipp: “Dann gibt es noch eine Reihe, mit der wir auffällig guten jüngeren Hörspielmachern ein Forum geben wollen – die hat Rafael Jové mit ‘Kein Mensch sagt mehr Beat’ furios eröffnet.

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