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Mechthild Großmann über Theater, Hörbücher und den Tatort

von Gabriele Reis am 5. Dezember 2012

Mechthild Großmann arbeitete über dreißig Jahre als Schauspielerin in der Pina Bausch Company, mit der sie viele Jahre lang die ganze Welt bereiste und auf internationalen Bühnen spielte. Neben ihrer Arbeit am Theater und für das Fernsehen, u.a. mit R.W. Fassbinder, sprach Großmann auch viele Hörspiele im Rundfunk. Ihre Stimme wurde in Deutschland so beliebt, dass ihr Terminkalender mittlerweile randvoll ist mit Lesungen, die sie für verschiedene Autoren deutschlandweit spricht. Seit über fünf Jahren ist Großmann u.a. die feste Stimme der Hörbücher von Tess Gerritsen, im Fernsehen ist Großmann unter anderem als Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im Tatort Münster zu sehen.

Hörbücher-Blog: Sie sind eine sehr beliebte Hörbuchsprecherin mit einer markanten Stimme. Man hört Ihnen einfach gerne zu. Woran liegt das?
Grossmann: Ehrlich gesagt denke ich nicht so sehr darüber nach. Vielleicht kommt es ein bisschen darauf an, wie man sich in die Figuren hineinversetzt, ich glaube nicht nur, dass es daran liegt, dass ich ein bisschen brumme. (lacht)

Hörbücher-Blog: Ist Ihre Stimme eine Art Markenzeichen für Sie?
Grossmann: Früher als junges Mädchen am Theater war das tatsächlich so ein Phänomen. Ich hatte immer schon diese Stimme und alle sagten „wow“! Aber so ein Phänomen ist nach drei, vier Tagen auch schon wieder weg – es wundert keinen Menschen mehr. Es ist für mich also nicht die Hauptsache, dass meine Stimme tief ist, es kommt viel mehr darauf an wie ich sie benutze.

Hörbücher-Blog: Wie akribisch bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor und wie planen Sie ihre Wirkung am Mikrofon?
Ich lese das Buch mehrmals bevor ich es spreche. Ich mache mir viele Gedanken, ob ich den Handlungsverlauf z.B. dramaturgisch richtig sehe, das bespreche ich dann im Vorfeld mit der Redaktion und natürlich mit dem Regisseur bei der Aufnahme. Bei der Tess Gerritsen-Reihe zum Beispiel haben wiederkehrende Figuren bereits einen bestimmten Duktus, den versuche ich natürlich wieder zu treffen. Neue Charaktere versuche ich gut einzuteilen. Den Mörder darf ich natürlich nicht besonders unsympathisch sprechen – das würde ja alles verraten. (Schmunzelt)

Hörbücher-Blog: Apropos Tess Gerittsen: Wie war es denn für Sie in diesem Jahr die Autorin während Ihrer gemeinsamen Lesereise zum ersten Mal persönlich zu treffen?
Grossmann: Ich lese jetzt die Hörbücher Rizzoli/Isles Bücher von Tess Gerritsen seit einigen Jahren und mache das sehr gerne, z.B. Blutmale, Grabkammer oder jetzt Grabesstille. Nach über fünf Jahren meint man ja einen Menschen durch seinen Text ein wenig zu kennen… Ich war nun aber sehr überrascht, Frau Gerritsen ist so zart und kräftig zugleich. Ich bin sehr beeindruckt von ihr und ihrer Arbeit.

Hörbucher-Blog: Was war eigentlich Ihr erstes Hörbuch, das Sie gelesen haben?
Grossmann: Mit Dr. Hans-Gerd Koch, einem Franz Kafka-Fachmann, hatte ich schon viel zusammen gearbeitet. Wir hatten zum Beispiel schon viele Hörspiele im Hörfunk zusammen gemacht und ich hatte öfter live für ihn gelesen. Wir haben dann zusammen mit Mario Adorf und Dirk Bach ein Kafka-Hörbuch gemacht, das war dann mein erstes Hörbuch: Kafka erhören!

Hörbücher-Blog: Gibt es etwas, was Sie besonders gerne als Hörbuch lesen möchten?
Grossmann: Die Bücher, die ich gerne lesen möchte, sind leider nicht en vogue. Ich hätte sehr gerne von Susan Sontag Der Liebhaber des Vulkans gelesen, es gab davon noch kein Hörbuch. Ich fand den Roman klug und mochte ihn sehr, doch man sagte mir dafür gebe es keinen Markt, Susan Sontag sei nicht so gefragt in Deutschland. Das fand ich schade. Dann hab ich auch schon mal Wolfgang Hildesheimer vorgeschlagen, Lieblose Legenden. Daraus ist dann auch wirklich eine CD geworden, aber ansonsten habe ich leider viele Ideen, die scheinbar nicht auf den Markt passen.

Hörbücher-Blog: Hören Sie selbst gerne Hörbücher?
Grossmann: Ich denke es gibt Leser und Hörer. Ich gehöre eher zu den Lesern. Wenn man ein Hörbuch hört, bekommt man eine Interpretation. Es gibt Menschen, die möchten lieber selbst herausfinden, was sie in dem Text lesen. Andere mögen es gerade gern, wenn ein Leser den Inhalt, ich sage mal zubereitet, ich denke das bleibt etwas sehr individuelles.

Hörbücher-Blog: Was ist für Sie wichtig, damit Sie heute eine Rolle übernehmen?
Grossmann: Ich spiele seit über 40 Jahren Theater und ich glaube ich bin ziemlich durch mit dem, was möglich ist. (Lacht) Ich kann ja nur noch ältere Damen spielen, da gibt es aber gar nicht so viele Rollen. Es kommt mir auch gar nicht so sehr auf die Rolle an, sondern viel mehr auf den Zusammenhang. Es kommt darauf an, was das für eine Produktion ist, wie der Regisseur ist, wie gut das Ensemble ist, es geht ja nie um einen allein. Ich möchte in guten Zusammenhängen spielen.

Hörbücher-Blog: Und Ihre Rolle im Münsteraner Tatort liegt in einen guten Zusammenhang für Sie, oder?
Grossmann: Natürlich. Sonst würde ich es nicht machen.  Die Tatort-Rolle ist schön, sie ist klein, aber es macht immer wieder Spaß sie zu machen. Grundsätzlich ist es mir vielleicht wichtig, gemeint zu sein. Ich möchte so besetzt werden, dass man wirklich mich, Mechthild, will. Und dann will ich mich mit der Rolle sehr stark auseinandersetzen und es gut machen. Ich bin leider nicht reich geworden mit meiner Arbeit, die Dinge, die mir wichtig waren, gaben viel Ehre und wenig Geld. Heute habe ich die schöne Situation, wirklich wählen zu können, ich mache kein Projekt einfach mal so. Wenn die Zusammenhänge stimmen, ist das für mich das wichtigste.

Hörbücher-Blog: Vielen Dank für das Gespräch.

{ 2 comments… read them below or add one }

Don Fraggle Dezember 6, 2012 um 08:45

“[…] Man hört Ihnen einfach gerne. […]” – Ist das jetzt Dialekt, falsch dekliniertes Possessivpronomen oder fehlt einfach nur das Wort ‘zu’?

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Gabriele Reis Dezember 6, 2012 um 11:55

Danke für den Hinweis! es fehlte das Wort “zu”. Das haben wir jetzt korrigiert. Fröhlichen Nikolaus!

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