American Gods: Neil Gaiman’s Götterkrieg als TV-Serie

Menschen brennen, Blut fließt in Strömen und wilde Nordmänner stechen sich selbst die Augen aus – Opfergaben, um den Göttern ihre Gunst abzuringen. Die Wikinger beten um Wind, der sie in ihren Booten endlich wieder von dem gottverdammten Land wegbringt, das sie entdeckt haben. Als sie flüchten, lassen sie am Strand des zukünftigen Amerika eine Skulptur zurück: Es ist Odin, Gott der Weisheit und des Krieges.


„American Gods“ Trailer deutsch

Wuchtig ist der Auftakt zur ersten Folge von American Gods, der vom Pay-TV-Sender Starz verfilmten (und bei uns jetzt auf Amazon Prime Video zu sehenden) Fantasy-Serie, beruhend auf dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman aus dem Jahr 2001. Seit dem 1. Mai gibt es jeden Montag eine neue Folge (insgesamt 8), und wenn man sich den Internet-Trend mal so anschaut, zeigt sich, dass das Fantasy-Roadmovie der Serienmacher Bryan Fuller („Hannibal“) und Michael Green („Heroes“) in aller Munde ist und sich zur Seriensensation entwickeln könnte.

Der Hype ist gerechtfertigt: In harschen, opulenten Bildern, die so nie im amerikanischen Free TV gezeigt werden dürften, überfällt der mythologische Genre-Mix den Zuschauer. Vor Sex und Gewalt wird nicht zurückgeschreckt. Es ist düster, blutig und explizit, es ist vulgär und magisch, es ist extravagant und bizarr. Und es ist verwirrend.

Hier geht es zur TV-Serie American Gods bei Amazon Prime Video (auf Deutsch sowie englische Originalversion)

Wer keine Ahnung hat von Neil Gaiman oder von Mythologie, gerät in Gefahr, überfordert abzuschalten oder zumindest sehr viel zu versäumen. Wir helfen euch ein bisschen aufs Trapez:

Worum geht es in „American Gods“?

Simpel gesagt, geht es um den Kampf der alten gegen die neuen Götter. Die alten sind vor Jahrhunderten nach Amerika eingewandert und geraten in Vergessenheit. Weil keiner mehr an sie glaubt, verblassen sie, werden schwächer. Das moderne Amerika betet neue Götzen an: die Medien, das Internet, Technologien.

Shadow

Neil Gaiman, der ein großes Faible für Mythologie hat, schickt in seinem Roman einen gaunernden „Obergott“ namens Mr. Wednesday los, um die alten Kollegen um sich zu scharen und in einem Kampf die neuen Götter zu besiegen. Dazu rekrutiert er Shadow Moon, einen Ex-Gefängnisinsassen, als Bodyguard und Werkzeug in einem betrügerischen Spiel. Aus Shadow’s Sicht (in der Fernsehserie von Ricky Whittle dargestellt) erleben wir die Geschichte und finden durch ihn Zugang zur Welt der Götter.

Hier geht es zum ungekürzten Hörbuch American Gods von Neil Gaiman

Einwandererroman und Zeitgeistkommentar

Gaiman’s Kultbestseller gewinnt derzeit neue Relevanz. Schließlich ist es – neben einem psychedelischen Trip in die Welt der Mythologie – eine Geschichte von Einwanderung, von aufeinander prallenden Traditionen, Glaubensrichtungen und Kulturen, von einem Ringen darum, wem die Macht in den USA gehört.
Woran glauben wir? Existiert das, woran wir glauben, nur WEIL wir daran glauben? Das sind die eher philosophischen Fragen, die uns Gaiman – oft augenzwinkernd – stellt.

Hinter fast allen Figuren in American Gods stecken mehr oder weniger bekannte mythologische Gestalten aus aller Herren Länder und Glaubensrichtungen. Wir stellen euch zum besseren Verständnis die wichtigsten kurz vor:

Die alten Götter (und ihre TV-Darsteller)

Mr. Wednesday (Ian McShane)

Mr. Wednesday

Wednesday (dt.“Mittwoch“) stammt vom angelsächsischen „Wodensday“ ab, und „Woden“ ist niemand geringerer als der nordische Göttervater Odin. Odin, Vater von Thor (ja, der mit dem Hammer) gilt als Gott der Weisheit und des Krieges. Odin hat nur noch ein (echtes) Auge, weil er das andere für einen Schluck aus dem Brunnen der Weisheit geopfert hat. In American Gods ist er zum gewitzten Trickbetrüger heruntergekommen, trommelt als Anführer und Vaterfigur für Shadow aber die alten Götter mit klugen Schachzügen zum Kampf zusammen.

Bilquis (Yetide Badaki)

Bil

Ihre Rolle wurde für die TV-Serie weiter ausgebaut als in der literarischen Vorlage. Sie ist die Göttin der Liebe. Ihre Figur beruht auf der in der Bibel und im Koran auftauchenden Königin Sheba, die als Dschinn, einer Mischung aus Mensch und Dämon, zum reichhaltigen Bestandteil orientalischer Märchen wurde. Im Roman hat sie einen kurzen aber denkwürdigen Auftritt, bei dem sie einen Mann wortwörtlich verschlingt – aber nicht mit dem Mund…

Mr. Nancy (Orlando Jones)

Nan

Hinter Mr. Nancy steckt der westafrikanische Gott Anansi. Auch er ist ein listiger Gott, der in Menschen- und Spinnengestalt auftreten kann. Dem ghanaischen Ashanti-Mythos nach krabbelte er als Spinne auf einen gigantischen Baum um dort die Weisheit der Welt einzusammeln und verteilte sie über die Erde. Neil Gaiman hatte solchen Spaß an dieser Figur, dass er Mr. Nancy zum Protagonisten seines American Gods-Sequels machte: „Anansi Boys“, publiziert 2005.

Czernobog (Peter Stormare)

Czernobog

Czernobog bedeutet aus dem Slawischen übersetzt wortwörtlich „schwarzer Gott“. Er ist die Personifizierung des Bösen und dunkler Zwillingsbruder von Belabog, dem „weißen Gott“. In American Gods ist Czernobog ein osteuropäischer Immigrant und Schlachter mit einem furchterregenden, bluttriefenden Hammer, mit dem er eigentlich nur Shadow Moon den Kopf einschlagen will. Er soll als Krieger für Mr. Wednesday fungieren.

Easter (Kristin Chenoweth)

Easter

Easter = Eostre oder Ostara ist eine der wenigen alten Gottheiten, die in American Gods noch florieren. Als germanische Göttin der Fruchtbarkeit und des Frühlings wird Eostre zu Ostern noch immer reichlich gefeiert. Sie kommt extravagant und in voller Blüte daher, weshalb sie Mr. Wednesday’s Kriegsplänen eher lustlos gegenübersteht.

Außerdem treffen wir noch auf den irischen Kobold Mad Sweeney, auf die Hindu-Göttin Mama-ji, auf den Bestatter Mr. Jaqual alias Totengott Anubis, auf den Schreiber Mr. Ibis (= Thot), den ausgefuchsten Feuer-Halbgott Loki als Knastkumpel Low-Key Lyesmith und viele weitere.


Video: Die Charaktere und ihre Darsteller in „American Gods“

Die neuen Götter

Mr. World (Crispin Glover)

Mr.

Der mysteriöse Oberschurke von American Gods. Er ist der Anführer der neuen Götter und befehligt die Männer in den schwarzen Anzügen, die hinter Shadow Moon her sind. Geheimnisvoll und elegant-bedrohlich, stellt sich im Roman am Schluss heraus, in welches Spiel mit doppeltem Boden Mr. World verwickelt ist.

Technical Boy (Bruce Langley)

Techno

Für die Serie wurde die Romanfigur upgedatet. Technical Boy repräsentiert das Internet, und das hat sich seit 2001 ganz schön verändert. Im Roman noch ein pickeliger, dicklicher Teenager, ist er auf dem Bildschirm ein virtuell geschniegelter Jüngling, der sich aus Pixeln zusammensetzt und in seiner e-Zigarette synthetische Krötenhaut dampft.

Media (Gillian Anderson)

Eine gender fluide Gottheit als Repräsentation des Fernsehens. Media tritt in Form von verschiedenen Personen auf, mal als Schauspielerin aus „I love Lucy“ oder der Sitcom „Cheers“, mal als männlicher Nachrichtensprecher.

Zu den neuen Göttern gehören im Roman noch weitere „Men in Black“ wie Mr. Town, Mr. Stone und Mr. Wood, die für Straßenverkehr, Großstädte und andere moderne Merkmale stehen.

Besser mit Hörbuch

American

Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass „American Gods“ wesentlich besser zu verstehen ist, wenn man die Romanvorlage kennt. Die gibt es natürlich auch als Hörbuch, und das deutsche liest – ungekürzt! – der großartige Stimmenmorpher Stefan Kaminski. Sein unfassbares Talent, jeder Figur eine eigene Persönlichkeit zu verleihen, ist für das schillernde Götterensemble natürlich Gold wert.

Hier geht es zum ungekürzten deutschen Hörbuch American Gods von Neil Gaiman

American Gods

Auf Englisch steht ihm der ebenfalls preisgekröntente George Guidall mit seinen diversen Akzenten in nichts nach, wirkt dabei nur väterlicher und ruhiger als der quirlige Kaminski. Auch diese englische Hörbuchversion ist ungekürzt.

Hier geht es zum ungekürzten englischen Hörbuch American Gods von Neil Gaiman

Mehr Götter, mehr Gaiman

Wenn ihr nach all dem von Neil Gaiman und seiner Welt nicht genug bekommen könnt – kein Problem! Dann hört euch doch einfach die von Gaiman frisch nacherzählten Nordische Mythen und Sagen an, ebenfalls gelesen von Stefan Kaminski. Oder lest auf dem Blog mehr über Die unheimlich phantastischen Welten von Neil Gaiman.

Share on Facebook0Google+0Tweet about this on Twitter0
Ute Esken

Ute Esken ist 'made in Germany', hat ihr Herz aber dort, wo man Englisch spricht: Sie hat ein Jahr in den Südstaaten gelebt und liebt New York und London. Für Audible schreibt Ute regelmäßig über englische Hörbuchschätze und stellt die interessantesten englischen Hörbuch-Neuerscheinungen vor. Auf ihrem eigenen Blog 'buchstapelweise' rezensiert sie Bücher und Hörbücher.

Kommentar (American Gods: Neil Gaiman’s Götterkrieg als TV-Serie)

  1. Habe das original Hörbuch vor einiger Zeit schon auf deinen Neilman-Tipp hin leidenschaftlich gerne gehört! War sofort vom Anfang, der Grundidee, der einzelnen Figuren und nicht zuletzt vom Sprecher so begeistert, dass ich mir auch das Buch auf English besorgt und gelesen habe!
    Ich hoffe nur, der Film hält, was er verspricht!!
    Ich bin jetzt an Anansi Boys dran und werde an diesem engl. Hörbuch wahrscheinlich wieder kleben bleiben!

    1. Hallo Frank,
      hast du denn inzwischen in die Serie reingeschaut? Ich finde sie bisher wirklich gut. Dass Neil Gaiman „American Gods“ mit produziert hat, den Serienmachern zur Seite steht und auch an der Auswahl der Schauspieler beteiligt war, zahlt sich bisher aus. Es gibt natürlich Unterschiede, aber für mich bleibt die Serie bis jetzt eng an der Vorlage. Was meinst du denn? (Und viel Spaß mit „Anansi Boys“!)

      Gruß,
      Ute

  2. Ich habe jetzt nach der 3. Folge aufgegeben. Die Handlung ist für mich nicht nachvollziehbar, und weckt bei mir nicht das Interesse herauszufinden worum es geht. Mit keiner der Figuren möchte man sympathisieren. Anything goes langweitl dann halt irgendwann.

    1. Hallo Frank,

      ja, „American Gods“ ist schon sehr speziell, so wie Neil Gaiman überhaupt. Es ist eine Herausforderung. Kanntest du denn die Romanvorlage? Dann hat man wirklich eine andere Sicht auf die Serie und sucht auch gar nicht so sehr nach einer linearen Handlung. Ich genieße die Serie nach wie vor. Aber Geschmäcker sind ja verschieden, und das ist auch gut so.

      Gruß,
      Ute