Auf einen Schnack mit Uve Teschner

Auf einen Kaffee mit Uve Teschner bei schönster Aussicht über Berlin

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Uve, du arbeitest jetzt seit mehr als fünf Jahren professionell als Sprecher. Was hat sich für dich in dieser Zeit geändert?

Ich habe jetzt ein anderes Selbstverständnis meines Berufes. Vorher war das Sprechen eine Liebhaberei, die mich glücklich machte, doch leben konnte ich davon nicht. Heute ist diese Sorge etwas in den Hintergrund getreten. Ich kann viel mehr in der Materie wühlen und komme jetzt an andere Stoffe ran. Meine Arbeit ist einfach sehr abwechslungsreich. Ich spreche neben meinen Hörbüchern auch Dokus im TV, Computerspiele, Audioguides, Synchron oder Werbung. Es ist schon toll bei großen Produktionen mitzumachen.

Gibt es unter den internationalen Autoren, die du liest, auch Lieblingsautoren?

Greg Iles ist natürlich  toll. Seine Bücher sind wie gemachte Betten, man muss sich nur drauflegen, herrlich! Mich begeistern oft die unbekannteren Autoren, die sich eventuell kommerziell nicht so gut verkaufen.

Wer zum Beispiel begeistert dich?

Zum Beispiel Norbert Leithold. Sein Buch Herrliche Zeiten: Roman einer Familie fand ich großartig. Mich fasziniert Leithold. Er lebt ein Leben voller Brüche und seinen Erzählungen könnte ich Tage lang zuhören. Mich interessieren Stoffe am meisten, in denen es nicht um eine heroische Erzählung aus dem Paralleluniversum geht. Mir ist Plausibilität in einer Geschichte wichtig: Hauptsache es ist für mich nachvollziehbar. Das ist für mich das Schönste!

Es ist doch toll, wenn man ein Buch schon kennt und trotzdem im Studio gespannt ist, weil so viele faszinierende neue Details zum Vorschein kommen.

Heißt das, du bist gegen kommerzielle Bücher, die diesen Tiefgang nicht bieten?

Nein, ganz und gar nicht! Auch wenn ein Buch ein Kassenschlager ist, heißt das nicht, dass es schlecht geschrieben wurde. John Katzenbach zum Beispiel hat immer interessante und bereichernde Aspekte in seinen Büchern. Sein letztes Buch Der Psychiater fand ich richtig gut. Der Hauptheld war kein Held und musste ständig mit sich ringen. Katzenbach sprach vieles an, was ich für wichtig und spannend erachte. Dennoch ist es eine kommerzielle Schreibe, das kann durchaus Hand in Hand gehen.

Welches Hörbuch der letzten Zeit würdest du besonders empfehlen?

Mich hat im letzten Jahr Das Böse im Blut von James Carlos Blake richtig begeistert. Auch wenn ich persönlich Western toll finde, ist das Genre ja gerade kein Erfolgsgarant. Die Herangehensweise des Autors ist wirklich genial. Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich schon hin und weg. Als ich es dann ein halbes Jahr später im Studio einlas, war ich erneut vollkommen gefesselt. Es ist doch toll, wenn man ein Buch schon kennt und trotzdem im Studio gespannt ist, weil so viele faszinierende neue Details zum Vorschein kommen.

Musstest du härter für deine Ziele kämpfen, weil du keine Schauspiel-Ausbildung hast?

Ich würde nicht sagen härter, sondern anders. Die Briten nennen unseren Job Voice Artist. Das finde ich eine sehr treffende Bezeichnung, aber bei uns hat sich das nicht etabliert. Manchmal denke ich schon, es wäre schön gewesen, etwas Schauspielunterricht zu haben, allein schon, weil ich glaube, dass man sich in dieser Zeit so herrlich austoben darf und alles mal probieren kann. In einer Produktion hast du nicht soviele Versuche frei.

In welchen Situationen denkst du das?

Bei einer Hörspielproduktion zum Beispiel, aber auch beim Synchron. Immer dann, wenn man eine andere Person plausibel darstellen soll, dieses Spielen muss man lernen und vielleicht auch etwas in sich tragen und muss es dann oft in sehr kurzer Zeit abrufen und auf den Punkt bringen können.

Ist eine Schauspielausbildung wichtig beim Vorsprechen?

Klar hab ich auch die eine oder andere Situation erlebt, in der ich schon im Vorzimmer auf Granit stieß, weil ich keinen Schauspielschulabschluß vorweisen konnte. Aber diese Hürden kann man überwinden. Es gibt ja einige prominente Beispiele, die das sehr schön bewiesen haben.

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Deine Rezensionen im Netz sind überragend. Wie gehst du mit dem Lob und der Kritik deiner Hörer um?

Ich freue mich! Heute kann ich es ganz anders aufnehmen, wenn ich Komplimente bekomme und gute Rezensionen habe. Ich gebe aber zu, dass ich das lernen musste. Vielleicht so, wie ein Schauspieler auf der Bühne das Verbeugen lernt.

Warum ist es so schwer, Lob anzunehmen?

Ich weiß es nicht. Gegen Lob tragen wir oft einen wasserdichten Frisennerz, an dem das Lob einfach abperlt. Kritik aber ist dann der Tropfen, der uns hinten in die Kapuze hineinfällt und bis ganz hinunter zum Rücken läuft, so dass wir uns schütteln. Man muss offenbar lernen, beides anzunehmen und sich auch über Lob freuen zu können.

Wie hat dich dein Sprecherberuf in den letzten Jahren geprägt?

Vor 10 Jahren war mein Lebenskonzept ein anderes und ich hätte mich nicht in dem gesehen, was ich gerade tue. Meine Arbeit macht mich zufrieden, aber natürlich hat sie leichte Nebenwirkungen. Ich glaube, ich bin aufmerksamer geworden. Ich gehe an ganz viele Sachen plötzlich anders heran, sehe Texte ganz anders oder beurteile Gesprochenes anders. Selbst im Vorbeigehen habe ich andere Wahrnehmungen, das kann auch mal richtig nerdig werden! (lacht)

Dann fällt es dir schwer, einfach mal abzuschalten?

Nein, nein! Wenn ich zum Beispiel eine Doku sehe, höre ich zunächst analytisch zu, doch ich höre mir wirklich gerne andere Kollegen an. Das inspiriert mich und gibt mir Spielstoff, um selbst Dinge beim Sprechen neu auszuprobieren. Wenn ich Hörspiele höre, lasse ich mich faszinieren, kann aber auch sehr gut dabei abschalten. Neulich hörte ich mir zum Beispiel Terminal 3 von Ivar Leon Menger an. Udo Schenk darin zuzuhören ist einfach der Kracher!

Du hast auch selbst in mehreren Hörspielen mitgewirkt. Wie war zum Beispiel die Serie Glashaus für dich?

Das Hörspiel Glashaus hat großen Spaß gemacht, wir waren eine ziemlich coole Truppe. Die Ensemble Einsätze im Studio waren einfach toll, denn unsere Regisseurin Johanna Steiner hat einen fantastischen Job gemacht. Leider war mein Einsatz nur viel zu kurz, im 5. Teil passiert etwas Schreckliches… aber ich will jetzt nicht alles verraten!

Audible macht eine neue Art der Hörspiel Produktion und diese wird sich ganz bestimmt durchsetzen.

Welche Hörspiele waren für dich etwas ganz Besonders?

Das Hörspiel Jonah von Rebecca Gablé ist ganz große Klasse! Ich habe es schon genossen, das Skript zu lesen, die Produktion hat großen Spaß gemacht und das Hören des fertigen Hörspiels war wiederum unglaublich spannend. Audible macht eine neue Art der Hörspiel Produktion und diese wird sich ganz bestimmt durchsetzen.

Wo liegt im Augenblick dein persönlicher Ehrgeiz?

Ich möchte in meiner Sprechweise gerne diffiziler werden und mehr im Subtext arbeiten. Das heißt, nicht vordergründig bestimmte Haltungen einzunehmen, die jeder sofort nachvollziehen kann. Für mich sind die Sprecher die besten, die den Hörer ganz unbewusst lenken. Sie fesseln dich und faszinieren dich, du weißt nur nicht wie. Das Bewusstsein dafür schaffen, mit ganz kleinen Gesten große Wirkungen zu erreichen, daran möchte ich arbeiten.

Was interessiert dich selbst am meisten an deinem Job?

…dass es authentisch klingt und dass ich es wahr erzähle.

Was würdest du gerne an deinem Job ändern?

Bei allen Jobs, die man als Sprecher macht, herrscht in der Regel ein hoher Zeitdruck. Das ist einerseits in Ordnung, doch manchmal wünschte ich mir, dass man etwas entspannter mit Fristen umgehen könnte. Ich meine damit vor allem das Vorziehen gesetzter Fristen und Abgabetermine. Dadurch erhöht sich der Arbeitsdruck und die Arbeitszeit verkürzt sich. Das halte ich nicht für gesund. Mehr Zeit täte der Qualität gut und ganz bestimmt auch dem Arbeitsklima.

Wo trifft man dich bei deiner Freizeit an?

Momentan im Garten beim Rasenmähen. Neulich war ich mal wieder in Leipzig und habe zwei tolle Tage gehabt, auch so verbringe ich gerne meine Freizeit.

Uve, vervollständige bitte diese drei Sätze: Wenn du drei Monate Zeit hättest…

…würde ich sehr gerne nach Kanada reisen, davon habe ich schon als Kind geträumt.

Mein Freiflug in eine europäische Stadt ginge nach…

…Catania! Wir waren vor zwei Jahren auf Sizilien und für Catania hatten wir irgendwie zu wenig Zeit. Ich würde mir die Stadt sehr gerne einmal ein Wochenende lang richtig ansehen.

Ich hätte nie von mir gedacht, dass ich…

… von bestimmten festen Meinungen durchaus abrücken kann. Ich hatte zu manchen Themen eine gefestigte Antihaltung, das hat sich geändert. Ich habe sie nicht einfach über Bord geschmissen, sondern ich weiß jetzt, dass das Festhalten an dieser Meinung nicht nutzt, sondern so manches auch überholt wird.

Alle Hörbücher mit Uve Teschner findet ihr hier.
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Kommentar (Auf einen Schnack mit Uve Teschner)

  1. Einer meiner liebsten Sprecher… Er schafft es immer wieder, mit seiner ’sprachlichen‘ Interpretation zu faszinieren :-)
    Danke für das Interview! Immer schön ‚mehr‘ zu erfahren.
    Herzlichst
    Rike Bach

    1. Hallo Sander, danke dir für den Hinweis! Jetzt funktioniert der Link. Viel Spaß beim Stöbern!
      Die Audible Redaktion