Hier spielt Julia die Hauptrolle

Julia & Romeo

Verona, 1499. In der brütenden Julihitze lauert Gefahr. Die Pest kriecht auf die Stadt zu, Invasoren plagen Italien, die Borgias regieren und Italien erbebt unter den Geburtswehen der Renaissance. Mitten drin: Eine intellektuelle junge Frau, die einer arrangierten Heirat zu entgehen versucht. Ist die heimliche Liebe zum Spross eines verfeindeten Clans ihr Weg in die Freiheit?

Hier geht es zum ungekürzten Hörspiel Julia & Romeo von David Hewson

Nanu? Irgendwas scheint da nicht ganz zu stimmen mit dieser Zusammenfassung von William Shakespeare’s berühmtester Liebestragödie. Und hieß die nicht „Romeo und Julia“ und nicht umgekehrt?

Stimmt. Denn David Hewson, Autor des Hörspiels Macbeth: Ein Epos und der Romanadaption zur TV-Serie The Killing (Kommissarin Lund) hat das berühmte Theaterstück genommen und daraus eine moderne Hörspieladaption gemacht, die ganz bewusst vom Original abweicht.


Hörprobe: „Julia & Romeo“ von David Hewson

Im Rampenlicht: Julia Capulet

Wichtigster Unterschied: Im Zentrum des Hörspiels steht Julia. David Hewson erklärt:

Ich wollte die Geschichte so erzählen, wie sie Shakespeare vielleicht gerne erzählt hätte, aber zu seiner Zeit nicht konnte.

Shakespeare musste sich an die damaligen Konventionen halten. Da keine weiblichen Schauspieler erlaubt waren, wurde Julia von einem Jungen gespielt. Das machte ihre Figur flacher und eindimensionaler. Hewson’s Julia dagegen ist kraftvoll und komplex und zugänglich für ein modernes Publikum.

Die Bühne: Italien zu Beginn der Renaissance

Auch das Setting ist sorgfältig bedacht. Wurde das Original Ende des 16. Jahrhunderts platziert, so versetzt Hewson die Geschichte einhundert Jahre zurück. Aus Gründen: Das Erwachen der Renaissance in Italien sorgte, gemeinsam mit der Erfindung des Buchdrucks, für intellektuelles und künstlerisches Erwachen. Und natürlich für Unruhe. Auch Julia ist im Hörspiel eine wissensdurstige Leserin, eine in ihrem Denken moderne und emanzipierte junge Frau – allerdings gefangen in den verkrusteten Erwartungen der Gesellschaft und ihrer Familie.

Und was ist mit Romeo? Der war schon im Theaterstück der liebestaumelnde Melodramatiker. Bei David Hewson kommt allerdings ein neuer Aspekt hinzu: Romeo soll auf elterliche Anweisung Anwalt werden, möchte aber Dichter sein. Wie Julia sucht auch er nach Selbstbestimmung.

Das ist nicht einfach eine tragische Teenie-Romanze. Es ist eine große, moralische Fabel über Identität – darüber, wer wie sind, und ob wir es zulassen, von der Gesellschaft, der Kirche oder unseren Eltern definiert zu werden.

Wartet man im Hörspiel also vergeblich auf Romantik? Nein, keine Sorge. Die kopfüber-Leidenschaft, das jugendliche Drama und die verbotenen Küsse im Mondlicht – das alles ist trotzdem da. Nur der Hintergrund ist komplexer, die Motivation beider Liebender für ihr Handeln begründeter. Auch die berühmte Balkonszene (untermalt von Grillenzirpen und Nachtigallgesang) fehlt nicht.

iMax zwischen den Ohren

Überhaupt sorgen ein stimmungsvolles Sounddesign und eine eigens komponierte, von Lauten und Streichern dominierte Musik, für volle Hörspielatmosphäre. Es geht zurückhaltender zu als im schwertklirrenden Macbeth-Hörspiel, obwohl auch in Julia & Romeo die Klingen gekreuzt werden. Unter der Hand von Regisseur Christian Hagitte sorgen die Glocken im Turm der Piazza Erbe und das Klirren der Giftfläschchen von Bruder Lorenzo sowie die gravitätischen Erzählerpassagen von Friedhelm Ptok für subtiles, aber nicht minder intensives Kopfkino.


Julia & Romeo – Das Making Of-Video

In moderner Sprache verfasst, ohne auf die berühmtesten Zitate zu verzichten, öffnet sich die Geschichte von Julia & Romeo für eine breite Zuhörerschaft. Das garantieren auch die Sprecher: Yara Blümel bringt als Julia eine kluge Aufmüpfigkeit mit, und Nicolás Artajo jugendlich stürmische Romantik. Zum weiteren Sprechercast gehören u.a. auch die bekannten TV-Schauspieler Barbara Schöne und Michael Mendl.

Alte Geschichte mit neuem Schluss

Wer glaubt, er kann sich die ganze Sache sparen, weil man ja sowieso schon weiß, wie es endet, wird eine dicke Überraschung erleben. Denn David Hewson lässt die Geschichte in ein neues Ende münden. „Romeo und Julia suchen nicht nach dem Tod; sie suchen nach der Freiheit“, orakelt Hewson. „Ohne zu viel zu verraten, hoffe ich, dass meine alternative Auflösung dieser Idee gerecht wird.“

Übrigens: Für seine Recherchen und um die richtige Stimmung für das Hörspiel einzufangen, besuchte der Autor Verona – eine wunderschöne Stadt, deren Besuch sich zu jeder Jahreszeit lohnt. Nur der besagte Balkon am angeblichen Haus von Julia ist laut David Hewson Zeitverschwendung.

Das ist alles Fake. Die gesamte Geschichte ist eine Fabel und es gab niemals einen echten Romeo oder eine echte Julia, auf der sie basiert. Auch wenn man das nicht glauben mag angesichts der Touristenmassen, die heute diesen berühmten Balkon anstarren.“

Tja. Manche erfundene Geschichte ist eben viel zu schön, um nicht wahr zu sein…

Hier geht es zum ungekürzten Hörspiel Julia & Romeo von David Hewson

Mehr von Shakespeare und David Hewson

Wer auf den Geschmack gekommen ist, dem empfehlen wir das Hörspiel Macbeth: Ein Epos von David Hewson, basierend auf Shakespeare’s gleichnamigem Drama. Wenn ihr gut Englisch könnt, ist das englische Hörbuch Romeo & Juliet: A Novel von David Hewson, wunderschön gelesen von Schauspieler Richard Armitage, bestimmt etwas für euch.

Share on Facebook0Google+0Tweet about this on Twitter0
Ute Esken

Ute Esken ist 'made in Germany', hat ihr Herz aber dort, wo man Englisch spricht: Sie hat ein Jahr in den Südstaaten gelebt und liebt New York und London. Für Audible schreibt Ute regelmäßig über englische Hörbuchschätze und stellt die interessantesten englischen Hörbuch-Neuerscheinungen vor. Auf ihrem eigenen Blog 'buchstapelweise' rezensiert sie Bücher und Hörbücher.