Kamelle für die Ohren:
Die Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises in Köln

Dienstag, 7. März. Ich schlüpfe in ein schickes Kleid und hohe Schuhe und mache mich auf den Weg nach Köln. Dort wird im WDR Funkhaus bei einer feierlichen Gala der Deutsche Hörbuchpreis verliehen. Götz Alsmann moderiert, und es wird eine feine Angelegenheit.

Im Funkhaus angekommen, gibt es Sekt und einen Fototermin für die Presse. Ich stehe mit einem kleinen Pulk weiterer eingeladener Blogger dabei, das Handy gezückt. Neben mir taucht Schauspieler Ulrich Noethen auf, einer der Nominierten.

Der Fototermin ist geprägt von vielen Blitzlichtern, von einer sehr schlagfertigen Bibiana Beglau im wohl schicksten Outfit des Abends sowie von der Bekanntgabe des „Hörkules“-Publikumspreisgewinners – der ist als einziger noch top secret und muss es bis zur Show gleich auch bleiben. Ich beiße mir tapfer auf die Lippen.

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Nach dem Fotoshooting geht es rüber in den großen Saal. Auf dem Weg dorthin hantiert neben mir Christine Westermann in ihrer Handtasche, und ich spreche kurz mit einer sehr aufgeregten und sympathischen Isabel Bogdan, die für den „Hörkules“ nominiert ist.

Im Festsaal lande ich auf der Presse-Empore, mit WLAN-Code und der offiziellen Erlaubnis, live zu twittern. Geht auch schon los.

Vorhang auf! – Die Show beginnt

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Götz Alsmann macht das kurze warm up selbst und hat wie immer die Haare schön. Um die Bühne herum huschen Kameraleute und ein mit Schildern bewaffneter Mensch von der Regie – der Abend wird im Radio und als Video-Livestream im Netz übertragen. Alsmann stellt die Band vor, reißt einen Sehkrates/Hörkules-Witz und geht in medias res:

Bester Interpret

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Als bester Interpret wird – tada!Ulrich Noethen ausgezeichnet für seine Lesung von Nackter Mann der brennt von Friedrich Ani. Wie bei der Gala üblich, gibt jeder Preisträger eine kurze Kostprobe seines Könnens. Noethen liest eine kurze Passage aus Anis mystriösem Kriminalroman und wirkt dabei genauso professionell, bescheiden und höflich wie beim Pressetermin.

Bestes Hörspiel

Der Preis “Bestes Hörspiel” geht an „Die Erfindung der Roten Armeefraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel und Leonhard Koppelmann, und der Titel stellt mich beim Twittern vor ernste 140-Zeichen-Probleme. Der zugrunde liegende Roman gewann 2015 den Deutschen Buchpreis. Frank Witzels nächstes Projekt löst beim Publikum Amüsement aus: „Die apokalyptische Glühbirne.“ Aha.

Zeit für ein musikalisches Zwischenspiel: Max Mutzke liefert, unterstützt von der bestens eingespielten WDR-Band, sehr entspannt und samtig seinen Song „So viel mehr“ab. Man groovt auf den Sitzen.

Kinderhörbuch des Jahres

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Persönlicher Wehmutstropfen, als das „Kinderhörbuch des Jahres“ prämiert wird. Es ist Im Labyrinth der Lügen von Ute Krause, aber Sprecher und Stimmenmorpher Stefan Kaminski ist berufsbedingt verhindert und nur per Video-Einspieler präsent. Die Autorin überreicht ihm, passend zum deutsch-deutschen Thema des Hörbuchs, seinen Preis in Berlin, neben Überresten der Mauer stehend. Statt Kaminski darf in Köln die Kinderjury auf die Bühne, und Alsmann geht sympathisch und souverän mit den nervösen jungen Hörbuchnerds um.

Beste Interpretin

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Der Preis für die „Beste Interpretin“ geht an Schauspielerin Bibiana Beglau für ihre Interpretation von Thea Dorns faustischem Unsterblichkeitsroman Die Unglückseligen. Eine coole, markante Stimme hat Frau Beglau, eine Berliner Schnauze noch dazu, und als Thea Dorn, die ja angeblich mit „Nasennebenhöhle“ flach liegt, ihr als Überraschungsgast den Preis überreicht, gibt es einen Kniefall und eine herzliche Umarmung. Ein schöner Moment.

Danach Entertainment. Comedienne und „Kölns Favourite“ Carolin Kebekus liest einen feinsinnig-humorigen Text von Thomas Bernhard.

Hörbuch des Jahres

Von der hr2 Bestenliste stammt das „Hörbuch des Jahres“, und es ist ein Klassiker: John Dos Passos‘ Manhattan Transfer. Der Einspieler mit Bildern in Sepiafarben passt zum Zeitkolorit des von einem ganzen Ensemble gelesenen und mit Musik untermalten Hörbuchs zum Großstadtmoloch New York. Regisseur Leonhard Koppelmann und Komponist Hermann Kretzschmar nehmen den Preis entgegen.

Beste Unterhaltung

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Danach begrüßt Götz Alsmann eine gute alte Freundin auf der Bühne. „Können Sie mal kurz rausgehen?“ fragt er das Publikum verschmitzt, als er sich vertraut zum Tratsch mit „Zimmer frei“-Partnerin Christine Westermann auf der Couch niederlässt. Die präsentiert den Preis für die „Beste Unterhaltung“ für Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke vom leider abwesenden Joachim Meyerhoff und gibt glatt zu, dass es das allererste Hörbuch in ihrem Regal ist. Hörbares Schmunzeln bei Publikum.

Inzwischen sind alle (außer vielleicht der Schilder schwenkende Regieassistent) trotz Abendgarderobe recht entspannt, und Max Mutzke lockert mit seinem aktuellen Hit „Welt hinter Glas“ die ohnehin lockere Sache noch mehr auf.

Bestes Sachhörbuch

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Den von Audible gesponserten Preis für das „Beste Sachhörbuch“ räumt Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler von Hans Sarkowicz ab. Im kurzen Interview auf dem Sofa spielen Propaganda, oppositionelle Nachrichten und Pressefreiheit im Zeitalter von „Fake News“ eine leider wieder sehr aktuelle Rolle.

Der Hörkules

Jetzt kommt der mit Spannung erwartete Moment, wo der Gewinner des „Hörkules“ bekannt gegeben wird. Es ist Der Pfau von Isabel Bogdan, und entgegengenommen wird die Trophäe von Sprecher und Schauspieler Christoph Maria Herbst. Seine hoch amüsant präsentierte Passage aus dem dialogfreien Roman über einen Ausflug in die Highlands samt durchgedrehtem Pfau gerät zu einem Höhepunkt des Abends.

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Und weil man aufhören soll, wenn’s am schönsten ist, eröffnet Götz Alsmann noch kurz offiziell die „Lit.COLOGNE“, holt die Zieharmonika raus und schwingt sich zusammen mit Max Mutzke und Carolin Kebekus zu einer spritzigen Version von „Ain’t No Mountain Higher“ auf.

Die Kameras werden daraufhin ausgeschaltet, von der Presse-Empore gehen die letzten Tweets ab, und ich begebe mich mit der Menge zurück in die Funkhaus-Lobby. Da warten leckeres Essen, kühles Kölsch und gemütlich-gepflegtes Geklüngel. Was für ein schöner Abend!

Mehr vom Deutschen Hörbuchpreis

Die Preisverleihung könnt ihr euch in voller Länge in der WDR-Mediathek ansehen. Die Preisträger des letzten Jahres findet ihr in unserem Artikel zum Deutschen Hörbuchpreis 2016.

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Ute Esken

Ute Esken ist 'made in Germany', hat ihr Herz aber dort, wo man Englisch spricht: Sie hat ein Jahr in den Südstaaten gelebt und liebt New York und London. Für Audible schreibt Ute regelmäßig über englische Hörbuchschätze und stellt die interessantesten englischen Hörbuch-Neuerscheinungen vor. Auf ihrem eigenen Blog 'buchstapelweise' rezensiert sie Bücher und Hörbücher.