Wie wird man eigentlich Comedian?

Vincent Kliesch über das Witze machen als Beruf

Wie wird man eigentlich Comedian? Vincent Kliesch über das Witze machen als Beruf

Comedy-Bühnen gibt es viele. Für gute Unterhaltung zu sorgen ist allerdings nicht einfach, denn das Publikum ist anspruchsvoll und will nicht einen schlechten Witz nach dem nächsten über sich ergehen lassen. Die Abwechslung ist wichtig, den Zeitgeist zu treffen und immer wieder mit neuen Ideen zu überraschen. Wo lernt man das eigentlich?

Vincent Kliesch ist seit vielen Jahren Moderator und Comedian. Er trat im Quatsch Comedy Club auf und präsentierte die Starbucks Comedy Show im Berlin Mitte.

Hörbücher-Blog: Gibt es eigentlich Schmiedewerkstätten für Comedians?

Vincent Kliesch: Naja, als Comedian brauchst du vor allem ein Publikum, vor dem du dich ausprobieren kannst. Als eine der besten Bühnen dieser Art würde ich das Scheinbar Varieté in Berlin Schöneberg bezeichnen. Dort kann jeder, der sich meldet, von Mittwoch bis Samstag auf der Open Stage auftreten und sehen, ob das Publikum über seine Witze lacht. Das Theater hat gerade mal 60 Sitzplätze, intimer geht es kaum.

Hörbücher-Blog: Als Zuschauer bin ich also Versuchskaninchen und weiß nicht, was mich erwartet?

Vincent Kliesch: Einerseits stimmt das, aber andererseits habe ich dort schon oft wundervolle Abende erlebt. Viele große Comedians konnte man dort in ihren Anfängen erleben. Michael Mittermeier zum Beispiel oder Mario Barth und Eckart von Hirschhausen. Man kann die Scheinbar wirklich als Comedy-Schmiede in Berlin bezeichnen. Jeder, der eine Nummer präsentieren möchte, hat 7 Minuten Zeit. That’s it. Damit kann er sehen, ob seine Ideen funktionieren oder nicht.

Hörbücher-Blog: Was für eine Stimmung ist da unter den Künstlern? Ist die Konkurrenz gerade bei Anfängern nicht sehr groß?

Vincent Kliesch: Das habe ich ehrlich gesagt nie so erlebt. Die Stimmung ist meistens sehr kollegial. Am wichtigsten für die Comedians ist eigentlich nach der Show der Treff an der Bar. Dort kann man ins Gespräch kommen und sich von erfahrenen Künstlern ein paar Tipps geben lassen. Es kommen auch immer wieder etablierte Comedians in die Scheinbar und treten auf, um eine neue Nummer auszuprobieren.

Hörbücher-Blog: Du hast auch mal bei einer Casting-Show für Comedians mitgemacht. War das für dich eine gute Erfahrung?

Vincent Kliesch: Das ist schon ganz schön lange her. Ich war immer schon der Klassenclown in der Schule. Später konnte ich mir nichts Besseres vorstellen, als Leute zum Lachen zu bringen und 2003 habe ich dann bei der Casting-Show Star Search mitgemacht. Damals hab ich mich allerdings gnadenlos überschätzt und dachte, ich mache das mit links. Ich hatte keine Ahnung vom Business, das weiß ich heute. Ich bin dann auch rausgeflogen. Allerdings habe ich dort Ingo Oschmann getroffen, das war für mich ein Glücksfall. Ingo war schon länger Stand up Comedian, er hat mir sehr geholfen und mir sehr viele gute Ratschläge gegeben, die mich wirklich weiter gebracht haben.

Hörbücher-Blog: Also war die Casting-Show letzten Endes eine gute Schule für dich?

Vincent Kliesch: Das würde ich so nicht sagen. Für Anfänger, und ich war blutigster Anfänger, sind solche Shows nicht ideal. Man sollte schon viel Bühnenerfahrung haben und wissen, wie man auf das Publikum wirkt, dann kann so eine Casting-Show wie ein Katalysator sein und deine Karriere beschleunigen. Für mich war es eher ein Schuss nach hinten. Ich war noch lange nicht soweit und ging auf eine sehr große Bühne, bevor ich mich sicher auf einer kleinen Bühne bewegen konnte.

Hörbücher-Blog: Was genau hast du denn damals falsch gemacht?

Vincent Kliesch: (lacht) Eine Menge! Erst einmal musste ich einsehen, dass ich als Comedian so was wie ein Dienstleister bin. Ich mache das, um die anderen zum Lachen zu bringen und das erwarten sie auch von mir. Da kann ich nicht rumeiern. Die Leute bezahlen, um gut unterhalten zu werden, also muss ich auch was bieten, und zwar auf Knopfdruck. Im Quatsch Comedy Club konnte ich schon deutlich mehr machen, ich wusste ich bin fürs Publikum da und dann klappte es auch.

Hörbücher-Blog: Also ein Dienstleister für Lachdienste?

Vincent Kliesch: Ja, genau. Die Menschen haben in Sekunden entschieden, ob sie den Clown da oben auf der Bühne mögen. In der Schule war das ein leichtes Spiel, Lehrer und Kumpels mochten mich und haben über mich gelacht, doch auf der Bühne bist du auf die Sympathie deines Publikums angewiesen, das ist etwas ganz anderes. Wenn ich zum Beispiel etwas Besonderes an mir habe, besonders dick bin oder eine sehr große Nase habe – irgendwas… dann muss ich das auf der Bühne sofort thematisieren und die Zuschauer abholen. „Ja, ich bin dick! Aber finden Sie nicht, dass ich das gut kaschiere?“ Ich muss irgendwas machen, um die Zuschauer zu mir zu holen, erst dann kann ich Gas geben.

Hörbücher-Blog: Was hast du außerdem als Anfänger falsch gemacht?

Vincent Kliesch: Ich war viel zu schnell. Comedy ist Technik, es ist ein Handwerk und es bedarf sehr viel Training. Ebenso Pausen zu machen und diese Pausen zu nutzen, das musste ich richtig lernen. „Komödie ist Tragödie plus Zeit“- also das, worüber wir in der Realität heulen, wird mit Abstand und etwas Zeit zu einer sehr lustigen Situation. Das nutzt die Comedy! Früher glaubte ich nicht an Figuren, die diese Realität transportieren: Der Arzt, der Physiker, die Arbeitslose, der Türke, klare Rollen kommen an, das weiß ich. Aber für mich war das nichts.

Hörbucher-Blog: Ein guter Comedian braucht also eine Figur?

Vincent Kliesch: Da gehen die Meinungen auseinander. Ich würde sagen ja, aber es gibt natürlich auch Beispiele wie Kurt Krömer. Bei ihm ist es die Art, wie er etwas sagt, worauf die Leute heute abfahren, es sind weder Pointen noch besondere Figuren, es ist Improvisation mit dieser speziellen Krömer-Art. Ich denke allerdings, dass das eher die Ausnahme ist.

Hörbücher –Blog: Und wann und wie klappt der Durchbruch?

Vincent Kliesch: (lacht wieder) Tja, das wüsste wohl jeder gern! Wenn Zeit und Ort stimmen und man das Glück hat, den Nerv des Publikums zu treffen. Ich denke es gibt Themen, die gehen immer: Schmutzige Witze, Liebe, Beziehung und Alltag natürlich. Doch wie bringst du deine Pointen rüber – wie wirst du komisch? Ich denke immer: „Diejenigen, die verrückt genug sind zu glauben, die Welt zu ändern, schaffen es auch eines Tages.“

Hörbücher-Blog: Dein Lebensweg sieht jetzt etwas anders aus. Du bist jetzt Thriller-Autor und Moderator. Du hast mittlerweile drei Bücher geschrieben: Die Reinheit des Todes, Der Todeszauberer und Der Prophet des Todes. Hast du den Traum von Comedy ganz aufgegeben?

Vincent Kliesch: Nein, das nicht. Ich mache wirklich ständig Spaß und kann das in meiner Moderation im Filmpark Babelsberg auch toll verbinden. Doch zu einem großen Stand up Comedian hat es bei mir nicht gereicht. Ich war der Starke unter den Schwachen, aber das war mir zu wenig. Es war zwar für mich ein großer Traum Comedian zu werden, aber ich hatte auch noch andere Ideen. Ich bin sehr froh, dass ich Bücher schreibe und sie gelesen oder gehört werden. Und ganz ehrlich: In meinen Büchern spielt Comedy schon auch immer wieder mal eine Rolle! Im Todeszauberer geht es ja um genau diese Branche.

Hörbücher-Blog: Danke für das interessante Gespräch Vincent, wann dürfen wir denn mit deinem nächsten Thriller rechnen?

Vincent Kliesch: Der ist in Arbeit, frag mich das doch nächstes Jahr noch mal!

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